14.12.2018: „Die Weihnachtsgeschichte“ (Stadtgalerie Mödling)

„Fröhliche Weihnachten! Frohe Weihnacht feiern wir jedes Jahr, überall!“, dieser Song begleitet uns wie ein Mantra durch die Vertonung von Charles Dickens‘ Klassiker „Die Weihnachtsgeschichte“, eine Erzählung, die Jung und Alt fasziniert und berührt. Darum ist es auch kein Wunder, dass der Verein teatro zum vierten Mal in Folge das gleichnamige Musical in der Stadtgalerie Mödling aufführt.

Vor 20 Jahren gründete Norberto Bertassi ein Laientheater, in dem hauptsächlich Kinder und Jugendliche gemeinsam auf der Bühne diverser Bauernhöfe standen und im Musicalbereich ausgebildet wurden. Doch dabei blieb es nicht – man suchte sich professionelle Spielorte wie das Stadttheater Mödling und brachte dort von Bertassi eigens für diese Kurse komponierte Musicals zur Aufführung, nach wie vor mit jungen Talenten, die durch einzelne Profis unterstützt werden.

Eines dieser großen Anklang findenden Stücke ist die Nacherzählung der Geschichte von Ebenezer Scrooge, einem, österreichisch ausgedrückt, furchtbaren „Grantscherben“, der Weihnachten hasst wie die Pest. Er lebt alleine, hat keine Freunde und ist ein geldgieriger Geizkragen, was sich vor allem auf seine wenig beneidenswerte Kindheit zurückführen lässt. Bis ihn der Geist der vergangenen Weihnacht heimsucht und sie gemeinsam Ebys Kindheit Revue passieren lassen. Auch zwei andere Geister – die der Gegenwart und der Zukunft – erscheinen und zeigen Scrooge, wie er sich ändern kann. Und genau das beherzigt er, hilft, mit seinem Geld Gutes zu tun und wird wieder offenherzig und fröhlich.

Es ist sehr eindrucksvoll, wie Bertassi diese Erzählung in seine Musik verpackt. Mit dem anfangs erwähnten Zitat betont er die ausgelassene Freude auf das Fest der Liebe, wobei ein lang anhaltender Ohrwurm garantiert ist. Die Melodien sind einfach gestrickt und für Kinder perfekt geeignet. Dazu trägt auch Norbert Holoubek als Librettist bei und imponiert mit klugen Texten sowie seiner stimmigen, spritzigen Regieführung. Für das realistische, aber dennoch kreative Bühnenbild (siehe Julias Rezension: https://stoehr.schlosser.info/2018/teatro-die-weihnachtsgeschichte) ist Norberto Bertassi gemeinsam mit Richard Redl zuständig, dazu gehörende Projektionen wurden von Ronny Hein ergänzt. Passende Kostüme entwarf, wie schon bei „Alice im Wunderland“, Irene Lang, für das Maskenbild ist Renate Harter verantwortlich. Ein absolutes Highlight dieses Abends waren die einfallsreichen Tanzszenen, besonders aber die anmutige Choreographie der Geister. Bei ihnen hat man wirklich das Gefühl, als würde das Ensemble durch den Zuschauerraum schweben. Das ist Rita Sereinig zu verdanken – kein Wunder, denn sie ist eine absolute Spezialistin im Musical- und Tanzbereich und durfte bereits Teil vieler Produktionen in ganz Österreich sein. Leider hat das Lichtdesign an diesem Abend nicht ganz funktioniert, das konnte durch die mitreißend aufspielende Liveband aber komplett ausgeglichen werden. Unter der Leitung von Walter Lochmann waren Gitarre, Klavier, Bass, Percussion, Cello und Querflöte vertreten und lieferten großartige Leistungen.

Der Cast (Quellen: teatro)

Doch der absolute Höhepunkt der Vorstellung geht an das komplette Ensemble, allen voran Peter Faerber, ein freischaffender Regisseur und Schauspieler, der in die Hauptrolle des Ebenezer Scrooge schlüpfte. Seine Interpretation ist ihm wirklich gut gelungen – am Anfang glaubhaft miesepetrig, erst im zweiten Akt macht er schrittweise die Erkenntnis, dass Gutes tun einem selbst auch guttut. Er ist ganz erstaunt über diese Veränderung und kann wieder Fröhlichkeit spüren. Dabei helfen ihm die drei Geister, deren Charakterisierung durch Holoubek mir sehr imponiert; während der erste Geist eher feierlich ernst gestrickt ist, der der gegenwärtigen Weihnacht sprüht nur so von Überdrehtheit und Humor, wobei der dritte bedrohlich und unheilvoll wirkt. Das ist verständlich, denn Scrooge steht wohlweislich keine rosige Zukunft bevor. Ein großes Lob verdient Setareh Eskandari als Geist der vergangenen Weihnacht. Sie ist bereits Mitglied der Opernschule der Wiener Staatsoper und verkörpert heuer die Hauptrolle in der umjubelten Kinderproduktion „Die arabische Prinzessin“. Es ist ein Wunder, dass sie mit ihren achtzehn Jahren solch eine wunderschöne, aber auch bereits gut ausgebildete Stimme aufweist und vor allem mit tollen Höhen in ihrer Rolle punktet. Weiter so!

Benedikt Karasek ergänzt als Geist der gegenwärtigen Weihnacht und spielte alle Facetten seiner Rolle perfekt aus, während Alexander Hoffelner sowohl als Marley als auch als Geist der Zukunft sein schauspielerisches Potenzial zeigte. Als das Publikum in die Vergangenheit des Scrooge eintaucht, bekommt es nicht nur einen, sondern gleich drei Versionen von ihm: So verkörperte Moritz Mausser den jugendlichen Ebenezer. Und eins muss ich euch sagen: Wenn einer wirklich Talent hat, dann er. Ich brauche mir vor der Vorstellung nicht einmal den Besetzungszettel anzusehen, denn schon nach seinen ersten paar Tönen erkenne ich sofort seine schöne, ausdrucksstarke Stimme. Einfach herrlich!

Eby (Lorenz Pojer), Ebenezer junior (Moritz Mausser) und Ebenezer senior (Peter Faerber)

In den jungen Eby schlüpfte Lorenz Pojer, der wieder einmal seine Begabung zu Gesang und Tanz veranschaulichte. Auch schauspielerisch bleibt bei ihm nichts zu wünschen übrig, besonders seine Mimik während der Szene mit seinem Vater, der Eby bereits in seinen jungen Jahren indoktriniert, dass Geld im Leben alles sei, ist großartig. Von stillem Gehorsam bis zu Entsetzen kann man alles aus seinem Gesicht herauslesen, er macht die geistige Wandlung von seiner Rolle durch, als wäre es sein eigenes Leid.

In seiner Jugend lernte Ebenezer eine besonders liebreizende Person, nämlich Belle, kennen, doch ihre Liebe hielt aufgrund seiner Gier nach Macht und Geld nicht stand. Verkörpert wurde diese Figur von Anna Zagler, Mitglied des Performing Center Austria, die ihr ganzes Können zur Schau stellte und auch stimmlich gefiel.

Emily Fisher bewies, wie auch schon bei „Alice im Wunderland“, stimmlich große Klasse und zeigte ihre Liebe zum Musiktheater, ebenso wie Lili Beetz (die in der kommenden Sommerproduktion von teatro die Hauptrolle der Heidi singen wird), die glaubwürdig Timmy spielte und auf schauspielerisch hohem Niveau sang. Sie vermittelte trotz ihrer rollenbedingten Krankheit kindliche Freude. Ich denke, am Optimismus ihrer Figur kann sich ein jeder ein Beispiel nehmen, denn auch wenn es schwer sein mag, kann man an jedem Leid auch ein Fünkchen Positives finden. Doch obwohl sich jeder einzelne eine Erwähnung hundertprozentig verdient hat, müssen noch hervorgehoben werden: Corinna Schaupp (Rosemary Fezziwig), Angelika Schiffer (Mrs. Cratchit), Anna Fleischhacker (Lucy) und natürlich auch Lena Mausser als hysterische Lehrerin Mrs. Jellybone.

Wie bei „Alice im Wunderland“, das ich im Juli 2018 erleben durfte, bin ich auch von dieser Produktion hellauf begeistert. „Die Weihnachtsgeschichte“ punktet mit leichter, eingängiger Musik, einer berührenden, generationsübergreifend bekannten Geschichte und der Hauptsache – den jungen Darstellern, die für junges und junggebliebenes Publikum auf der Bühne stehen, was die eigentliche Mission von teatro ist. Ich hoffe sehr auf eine weitere Wiederaufnahme und werde mir natürlich auch im Juli 2019 „Heidi“ nicht entgehen lassen!

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