Reportage: Auswirkungen von CoVid-19 auf das kulturelle Leben

Nach einer verheerenden Epidemie in China und Südkorea hat der neuartige Erreger des Coronavirus nun auch in Europa Fuß gefasst und bisher vor allem in Italien viele (Todes-) Opfer gefordert. Doch nach einigen Verdachtsfällen konnte am 25. Februar in Österreich eine erste Erkrankung an SARS-CoV-2 festgestellt werden, bald folgten viele weitere. Die Zahl der bestätigten Fälle steigt weiterhin in Form einer Exponentialfunktion an und bei Ignorieren der Fakten würde unser Gesundheitssystem bald überlastet sein. Um den Verlauf der Krankheitsfälle früh einzudämmen, wurden vor ein paar Tagen von der österreichischen Bundesregierung drastische Maßnahmen vorgestellt. So werden beispielsweise Bewegungsfreiheit und Personenverkehr schwerwiegend eingeschränkt; bis auf Supermärkte und die sogenannte kritische Infrastruktur bleiben alle Geschäfte und Lokale geschlossen und die Menschen werden aufgerufen, so weit wie möglich innerhalb der eigenen vier Wände zu bleiben.

Durch diese Beschlüsse befindet sich Österreich in einem in der Zweiten Republik noch nie dagewesenen Ausnahmezustand. Unser alltägliches Leben ist massiv eingeschränkt, die Straßen sind wie ausgestorben, selbst in der Großstadt Wien ist im öffentlichen Raum kaum eine Menschenseele zu sehen. Dadurch kommt die an der Stadt sonst so geschätzte und blühende Kulturszene komplett zum Stillstand. Alle noch so kleinen Theater, Opernhäuser, Kabaretts und Clubs sind geschlossen, die Bundestheater haben sogar eine Sperre des Kartenverkaufs für das Publikum verhängt. Diese Bestimmungen haben natürlich eine riesige Auswirkung auf die Wirtschaft. Kleinere und mittlere Kulturbetriebe werden höchstwahrscheinlich mit einer Schuldenlast konfrontiert sein und auch einige der dahinter stehenden Künstler laufen Gefahr, in ihrer Existenz bedroht zu sein. So wurden beispielsweise schon mehr als 2000 Arbeitnehmer bei den Bundestheatern für die Kurzarbeit angemeldet.

Um selbst hinter die Auswirkungen der Geschehnisse der vergangenen Tage blicken zu können, habe ich zu Künstlerinnen Kontakt aufgebaut und mich mit ihnen über ihre aktuelle Situation unterhalten. Ihr könnt nun in den folgenden Kurzinterviews einen Einblick in deren derzeitige Lage erhalten.

1. Theresa Dax ist eine freiberufliche Sängerin, die sozusagen von einem Engagement zum nächsten „pendelt“. Bis vor kurzem war sie noch als Gast am Münchner Gärtnerplatztheater als Papagena in der „Zauberflöte“ von Mozart zu sehen.

kulturwoelffin: Ist man sich als Freischaffende der Gefahr bewusst, aufgrund solcher Krisen plötzlich ohne Job dazustehen?

Theresa Dax: Man weiß grundsätzlich über die Unsicherheiten, das instabile Einkommen und die fehlende Absicherung in diesem Beruf Bescheid. Damit arrangiert man sich aber und fühlt sich durch volle Terminpläne relativ sicher. Auf solche Ausnahmesituationen war ich persönlich überhaupt nicht vorbereitet. Die einzige Möglichkeit, sich gegen so etwas abzusichern, wären vermutlich Verdienstausfallsversicherungen oder Ähnliches.

kulturwoelffin: Inwiefern bist du durch die Erlässe der österreichischen und deutschen Bundesregierung in deinen Engagements eingeschränkt?

Theresa Dax: Meine Engagements sind für die nächste Zeit zu 100 Prozent eingeschränkt – alle Vorstellungen meines Gastengagements am Theater sind gestrichen, alle bevorstehenden Konzerte abgesagt oder auf unbestimmte Zeit verschoben. Da auch der Einzelunterricht komplett eingestellt ist, kann ich auch meine Privatschüler nicht unterrichten. Dadurch keine Einnahmen!

Ich habe Kollegen, die in keiner so finanziell abgesicherten Lage sind wie ich. Jene trifft es besonders hart, wie so viele andere auch in diesen Tagen. Unsere Bundesregierung muss im „Wiederaufbau“ dann auch an uns Kleine denken!

2. Barbara Kier ist Gründerin und Kopf der Agentur „Rising Talents“. In den kommenden Wochen hätten viele der Kinder, die sie betreut, in großen Produktionen auf der Bühne stehen können.

kulturwoelffin: Welche Auswirkungen hat der Ausfall der vielen Produktionen, in denen deine Kinder eingesetzt werden, auf deine Agentur?

Barbara Kier: Mit dem Ausfall der Theaterwelt werden nicht nur Vorstellungen, sondern auch Proben abgesagt. Rein wirtschaftlich heißt das für eine Agentur, dass die Provision (von der allein eine Agentur lebt) wegfällt. Sobald ein Darsteller, in unserem Fall Kinder und Jugendliche, einen Dienstausfall hat, betrifft das Agenten genauso. „Rising Talents“ bietet ja neben der Vermittlung auch die Betreuung für Proben und Vorstellungen an, die manche Theaterhäuser dazubuchen und auch diese fällt jetzt weg.

kulturwoelffin: Wie gehen die Kids mit der momentanen Situation um?

Barbara Kier: Die Kinder sind natürlich sehr traurig, dass sie ihre Produktionen nicht mehr weiter spielen können. Zwar müssen sie nicht von ihren Gagen leben, aber neben ihrem Hauptjob Schule opfern sie mit Leib und Seele ihre freie Zeit für viele Proben und stecken ihr ganzes Herzblut in die Arbeit am Theater.

auch alle weiteren Vorstellungen von „Der König und ich“ mit vielen Kindern der Agentur „Rising Talents“ sind nun abgesagt

Jede Produktion ist wie eine kleine Familie. Es wird eng zusammengearbeitet, man teilt die gleiche Leidenschaft und die Produktionen werden von netten Feiern umrahmt. Anders als bei anderen Jobs ist es am Theater so, dass Darsteller unterschiedlichster Länder zusammenkommen und nach der Derniere zerstreuen sie sich auch wieder in die weite Welt. So ein abruptes Ende von Produktionen hinterlässt noch eine zusätzliche Wehmut, weil man manche Kollegen dann gar nicht mehr sieht. Ich wünsche den Kindern, dass sie noch ganz, ganz viele Gelegenheiten bekommen, bei denen sie auftreten können. Manche Repertoirehäuser verschieben womöglich die Premieren, um diese bald anstehenden Produktionen doch noch zu ermöglichen. Bei anderen wird das vielleicht sogar aufgrund des dichten Programms gar nicht mehr gehen.

3. Vanessa Zips hätte die „Pippi Langstrumpf“ im gleichnamigen Musical verkörpern sollen und wäre mit dem Ensemble auf eine Österreich-Tournee gegangen. Allein die Premiere war von dem Erlass um einige Stunden noch nicht betroffen und konnte wie geplant stattfinden.

kulturwoelffin: Wie lebst du mit der Gewissheit, dass nach vielen Wochen Probezeit alle „Pippi Langstrumpf“-Vorstellungen mit Ausnahme der Premiere bis auf Weiteres nicht stattfinden?

Vanessa Zips: Als uns die Nachricht über die neuesten Maßnahmen am Tag unserer Premiere (10.03.2020) erreichte, waren wir noch für letzte Proben im Theater versammelt. So richtig konnte das wirklich keiner fassen. Wir hatten allerdings das Glück, zumindest unsere Premiere noch vor Publikum spielen zu dürfen. Ich glaube, wenn wir gar nicht mehr hätten spielen dürfen, wäre die Enttäuschung noch größer, als sie nun ohnedies ist.

Fakt ist jedoch, dass die Maßnahmen zum Schutz unserer Gesellschaft notwendig sind, auch wenn das Einschränkungen bedeutet. Hoffen wir, dass wir bald wieder zur Normalität zurückkehren können.

Vanessa Zips als Pippi Langstrumpf

kulturwoelffin: Wie geht es nun bei dir weiter? Werden für die Tour noch Ersatztermine festgelegt?

Vanessa Zips: Ich bin natürlich unglaublich traurig darüber, dass unsere Pippi Langstrumpf- Tour nach wochenlanger intensiver Probenarbeit nicht stattfinden kann. Zumal das neben der Enttäuschung, unsere Show nicht zeigen zu können, auch Geldeinbußen und Arbeitslosigkeit im selbstständigen Bereich bedeutet. Die Zeit war jedoch bestimmt nicht „umsonst“, denn ich bin sehr optimistisch, dass wir die geplanten Vorstellungen durch Österreich zeitnah nachholen können. Einige Termine wurden auch schon auf diversen Ticket-Plattformen bekannt gegeben. Die Produktion ist also bereits drauf und dran, Ersatztermine zu finden. Ich habe noch keine offiziellen Daten, aber angepeilt wird momentan die Zeit um Weihnachten und Neujahr (Dezember 2020 und Jänner 2021).

4. Rebecca Nelsen ist fixes Ensemblemitglied der Wiener Volksoper und hätte am 13. März ihr Rollendebüt in Verdis Meisterwerk „Rigoletto“ gefeiert.

Rebecca Nelsen als Gilda in „Rigoletto“

kulturwoelffin: Zumindest die ersten Vorstellungen und die Wiederaufnahme von Verdis „Rigoletto“ werden ersatzlos gestrichen. Dennoch ging der Probenbetrieb zumindest für einige Zeit ganz normal weiter, vor kurzem fand sogar noch die Generalprobe statt. Wie erlebst du die momentane Situation auch im Hinblick auf diese und kommende Produktionen?


Rebecca Nelsen: Es gibt diesen Spruch „The show must go on!“. Das ist quasi das Lebensmotto des Theaters, aber in diesem weltweiten Ausnahmezustand müssen wir alle umdenken. Unserem lieben Publikum zuliebe mussten die Vorstellungen eingestellt werden. Es war ein sehr komisches Gefühl, eine Generalprobe mit dem Bewusstsein, dass es zumindest in den nächsten Wochen keine Premiere geben würde, zu singen. Wir haben seit Mitte Februar eifrig für die Wiederaufnahme von „Rigoletto“ geprobt. Unser Leading Team und die Solisten, darunter hochkarätige Gäste, haben wochenlang gearbeitet und geprobt, und alles ist zumindest für eine Weile aufgrund der Krise ins Wasser gefallen. Die Generalprobe allerdings war genial. Die Professionalität unseres Hauses war in dieser Ausnahmesituation extrem beeindruckend. Alle haben ihr Bestes gegeben: Solisten, Chorsänger, unser wunderbares Orchester, unser Dirigent Alexander Joel, die Maskenabteilung, die Bühnenarbeiter, die Techniker, die Ankleidedamen und das Hauspersonal. Wenn ich als Solistin genau darüber nachdenke, wie viele Menschen hinter mir stehen, damit meine Vorstellungen überhaupt stattfinden können, ist das eine Dosis positiver Bescheidenheit. Genauso ernüchternd ist das Leben als Opernsängerin ohne Publikum – wir schätzen unser liebes Publikum immer, aber gerade jetzt in einer Zeit, wenn es unmöglich ist, vor Zuschauern zu singen, realisiert man, wie großartig die Zusammenarbeit von Künstlern und Publikum im Theaterbetrieb ist. Auch die Proben an der Volksoper sind seit 13. März eingestellt. Also steht unsere geliebte Volksoper derzeit leer. Mir wurde ein Konzert, das ich im Theatre de Champs Elysees mit Esa-Pekka Solonen und dem Philharmonia Orchester in Paris am 26. März singen sollte, abgesagt, aber es geht natürlich nicht nur mir so. Auf irgendeine Art und Weise sind wir alle davon betroffen. Viele Pläne sind jetzt entweder komplett ins Wasser gefallen oder bis auf Weiteres nicht durchführbar. Es ist eine unsichere Zeit. Wir müssen alle flexibel und vor allem optimistisch, aber auch realistisch bleiben. Es kann noch lange dauern, bis das Leben wieder normal läuft.

kulturwoelffin: Bist du als Sängerin aufgrund der Pandemie auch um deine Gesundheit besorgt?
Rebecca Nelsen: Ehrlich gesagt, ja. Ich bin zwar gesund und gehöre nicht zu einer Risikogruppe, aber trotzdem mache ich mir Sorgen um meine Gesundheit. Eine Infizierung mit diesem Virus könnte zu einer beachtlichen Reduzierung der Lungenkapazität führen, was meine Karriere sehr negativ beeinflussen würde. Aber vielmehr bin ich um die Gesundheit meiner Familie und lieben Freunde, die sich in einer Risikogruppe befinden oder die in der Gesundheitsbranche tätig sind, besorgt. Ich telefoniere derzeit täglich mit meinen Eltern und hoffe, dass sie die Situation ernst nehmen. Mir ist auch bewusst, dass ich nicht mehr nach Hause fliegen dürfte, wenn meinen Eltern in Amerika etwas zustößt.

kulturwoelffin: Wie wirst du die nächsten Wochen beruflich und privat verbringen?
Rebecca Nelsen: Ich werde ruhig und hoffentlich auch produktiv zuhause bleiben mit meinem wunderbaren Mann, Eric. Wir haben viele Projekte, für die wir plötzlich Zeit haben und wir sind immer sehr gerne zusammen. Man kann Musik ja auch zuhause machen! Ich schreibe auch sehr gerne und kann mich jetzt mehr meinen anderen kreativen Trieben widmen. Also bleibe ich brav zuhause, wenn das heißt, dass ich damit den tapferen Ärzten und Krankenpflegern helfen kann!

In vielen Dingen sind sich meine lieben Interviewpartner einig. Die bittere Enttäuschung, viele Projekte und Produktionen nicht mehr realisieren zu können, ist bei allen Künstlern momentan groß. Noch dazu klagen vor allem junge Kulturschaffende über immense finanzielle Verluste und hoffen auf Unterstützung und Förderungen der Regierung nach der Beendigung des aktuellen Notstandes.

Dennoch ist die Freude groß, endlich Zeit für sich und seine Liebsten zu finden und an persönlichen Projekten zu arbeiten, für die man sonst einfach keine Zeit findet. Diese Stimmung herrscht auch bei mir. So wie vielen anderen Künstlern auch, hat mir die Krise rund um SARS-CoV-2 viele große Pläne für die nächste Zeit vereitelt. Doch, um „Heidi“ zu zitieren: Schließt sich eine Tür, gehen viele andere auf und das Leben nimmt von Neuem seinen Lauf.

Wie geht es weiter?

Das ist eine Frage, die wohl oder übel uns alle beschäftigt. Wir befinden uns in einer Situation, die es in dieser Form noch nie gegeben hat. Besonders historisch ist der Ausnahmezustand in unserem Land interessant zu beobachten. Selbst in den beiden großen Weltkriegen, den harten Zeiten, in denen sich unsere Welt bereits befand, kam es noch nie vor, dass Kulturbetriebe geschlossen wurden. Der Grund: Das Theater dient Publikum sowie Darstellern seit jeher als Zufluchtsort, auch wenn die Welt in Stücke zu fallen scheint. Viele Komponisten haben den Gegensatz „katastrophale Zustände im realen Leben – heile Welt“ sogar in ihren im 20. Jahrhundert entstandenen Werken aufgegriffen; Paradebeispiele dafür sind „Csardasfürstin“, „Gräfin Mariza“ (Kalman) und „Cabaret“ (Kander & Ebb). Wie dem auch sei, vor allem kleine Kulturinstitutionen müssen mit den Auswirkungen der Schließungen der Theater und des eingestellten Probenbetriebs kämpfen. Einige Produktionen können sogar aufgrund einer eher kurzen Spielzeit gar nicht stattfinden, Künstler klagen über große finanzielle Verluste. Doch, wie es schon Rebecca Nelsen im obigen Interview so treffend formuliert hat: „The show must go on!“. Die Frage ist lediglich, wann.

In einem Interview mit dem ORF meint beispielsweise der Geschäftsführer der Vereinigten Bühnen Wien, Franz Patay, man werde wohl nicht vor den Schulen, also nach jetzigem Stand am 15. April, anfangen. Der Verlust sei momentan schon im sechsstelligen Bereich, dennoch stelle sich der Betrieb auf viele weitere Schließtage ein.

Anderer Meinung ist das Volksoper-Ensemblemitglied Wolfgang Gratschmaier. Er ist zuversichtlich, dass der exponentielle Verlauf der Krankheitsfälle bald seinen Höhepunkt erreichen und dann zurückgehen wird. Ab Ostermontag sei eine Wiederaufnahme des Probenbetriebs denkbar, Repertoirestücke könnten bald wieder vor Publikum aufgeführt werden.

Resümee

Insofern lässt es sich momentan lediglich abwarten, ob die Situation sich zuspitzen wird oder ob man in absehbarer Zeit wieder zu einem normalen Betrieb des Staates zurückkehren kann. Durch die Krise rund um CoVid-19 haben wir alle unseren Lebensstil gründlich auf den Kopf stellen müssen. Es gilt aber, positiv in die Zukunft zu blicken und das Beste aus dem Ausnahmezustand zu machen. Noch dazu entwickelt sich in Wien langsam, aber sicher ein digitales Kulturangebot in Form von gestreamten Livekonzerten und sogar virtuelle Rundgänge durch das Kunsthistorische Museum oder das Belvedere werden durch die sozialen Medien möglich gemacht. Seit dem 15. März hat auch die Wiener Staatsoper ihr Archiv geöffnet und überträgt, nach dem eigentlichen Spielplan gerichtet, jeden Abend eine aufgezeichnete Vorstellung auf der Plattform www.staatsoperlive.com. Auch die Stadt Wien hat für die nächste Zeit Besonderes geplant: In einer Pressekonferenz vom 24. März kündigte Bürgermeister Michael Ludwig an, dass für 10 Drehtage das Rabenhoftheater Künstlern für Konzerte zur Verfügung stehe und diese voraussichtlich ab Samstag, den 28. März für uns auf dem Wiener Stadtsender https://www.w24.at/ ausgestrahlt werden würden. Dennoch bin ich sicherlich nicht alleine in der Meinung, dass ich unsere tollen Kulturschaffenden vermisse und wünsche für uns alle nur das Beste!

Quellenangaben: Montage: Standard/Arabella/altrincham.today;orf.at,persönliche Gespräche; Fotos: meinbezirk.at, Christian Husar, Barbara Palffy

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